Marie-France Hirigoyen fordert auf zum Solotanz – Anleitung zum Alleinsein

Den Nouvelles solitudes hat die französische Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen ein sehr kluges Buch gewidmet. – ZEIT

Nach Christiane Rösingers Bekenntnis Liebe wird oft überbewertet nun eine weitere Befürworterin des Single-Daseins: die französiche Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen fordert auf zum „Solotanz – Anleitung zum Alleinsein. Glück und Unglück einer neuen Lebensform.“ Denn wie es uns der Liedermacher Mario Hené vorsingt: „Lieber allein, als gemeinsam einsam.“ Auch die Poetry-Slammerin Julia Engelmann proklamiert stolz: „Ich kann alleine sein.“ Ich auch. Und Sie?

Marie-France Hirigoyen

Marie-France Hirigoyen, geboren 1949 in Frankreich, praktiziert als Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris. Ihr Buch Die Masken der Niedertracht war in Frankreich ein Bestseller: über 400.000 verkaufte Exemplare und Übersetzungen in über 20 Sprachen.

Das Buch

Zwar geben die meisten Menschen an, am liebsten mit Partner und Kindern zu leben, die Realität sieht aber anders aus: immer mehr Menschen leben, freiwillig oder nicht, allein. Für viele bedeutet Alleinsein nach wie vor Leiden und Entbehrung, eine steigende Zahl lebt hingegen „freiwillig und lustvoll“ allein. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Wie gehen wir damit um? Welche Rolle spielt der gestiegene Erfolgsdruck für jeden einzelnen und welche Rolle spielen die Frauen dabei, die weitaus häufiger den Männern den Laufpaß geben als umgekehrt? Eine erfahrene Therapeutin und sensible Beobachterin analysiert Glück und Unglück einer neuen Lebensform. – Verlagsinfo

Jedes Paar ist ein unergründliches Rätsel.
Es bleibt unbegreiflich, selbst wenn
man ein Teil davon ist.
Yasmina Reza

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Steve Wynn – That’s The Way Love Is

Leseprobe

Die Fähigkeit, allein zu sein, findet sich oft bei starken Persönlichkeiten, deren Charakter bereits in der Jugend gefestigt wurde, oder aber sie wurde durch die äußeren Lebensumstände erzwungen, dann akzeptiert und assimiliert, um am Ende manchmal sogar als bewusst gewählte Option beansprucht zu werden: Diese Personen haben dann in der Einsamkeit eine Freiheit gefunden, auf die sie schwer verzichten können.

Die Erfahrungen mit dem Alleinsein sind auch Erfahrungen mit Lernprozessen. Die positive Haltung gegenüber der Einsamkeit stellt eine wichtige Etappe im Reifeprozess dar. Erst dadurch wird es möglich, unsere eigenen inneren Dimensionen zu ergründen und uns der Kreativität zu öffnen, denn wenn man allein ist, tritt jedes Gefühl, jeder Gedanke eindringlicher und schärfer hervor. Rainer Maria Rilke suchte einem jungen Dichter Folgendes zu vermitteln: „Darum, lieber Herr, lieben Sie Ihre Einsamkeit, und tragen Sie den Schmerz, den sie Ihnen verursacht, mit schön klingender Klage. (…) Was nottut, ist doch nur dieses: Einsamkeit, große innere Einsamkeit. Insich-Gehen und stundenlang niemandem begegnen – das muß man erreichen können.“

Eine Liebesbeziehung ist nicht mehr die einzige Quelle des Glücks. Die Einsamkeit ist eine Öffnung, die es gestattet, sich von der Welt loszulösen, um sich anderen Möglichkeiten zuzuwenden, sei es der Kreativität, einer religiösen Hingabe oder ganz einfach der Liebe. Sie erlaubt es, sich ganz und gar auf das eigene Innenleben zu konzentrieren. Sich isolieren, sich zurückziehen kommt einer Art Läuterung, Erneuerung gleich.

Die Ehe, lange Zeit die soziale Bindung par excellence, gilt nicht mehr als sicherer Wert. In Frankreich endet fast jede zweite Ehe mit einem Bruch.

Welches Bild können diese Mädchen von Männern haben, wenn ihre Mütter betrogen, verlassen oder misshandelt wurden? Wie soll man an die Ehe glauben, wenn man miterlebt hat, wie sich die Eltern wegen des Vermögens oder des Sorgerechts für die Kinder entzweien? Hier herrscht nicht mehr das Bild der erlösenden, sondern das der zerstörerischen Liebe.

Die Medien und die Werbung für Datingsites gaukeln uns vor, wir könnten den idealen Partner finden, und das veranlasst uns, die Liebe zu kontrollieren und im Voraus wissen zu wollen, wohin sie uns führen wird. Wir verhalten uns wie anspruchsvolle Konsumenten, wir wollen das Beste zu niedrigsten Preisen: Wir hoffen, viel zu bekommen, und geben dafür so wenig wie möglich.

Wir telefonieren, wir chatten mit Leuten, die wir kaum kennen, und viele Pseudofreundschaften sind nichts als bequeme Hilfsmittel, um vor der Einsamkeit zu fliehen. Chat ist Geschwätz, belanglose Worte, die nur da sind, um die Leere auszufüllen.

Dem Tod kann niemand entrinnen. Die Betriebsamkeit der Welt dient nur dazu, die Tatsache zu verschleiern, daß wir alleine geboren werden und alleine sterben müssen. Man kann sich in Liebesabenteuer oder eine Pseudofreundschaft flüchten, um der Einsamkeit abzuhelfen – es wird nicht gelingen.

Während viele noch in der Vorstellung leben, dass die Liebe ihre Einsamkeit beenden wird, ist es im Gegenteil die Fähigkeit zum Alleinsein, die uns für die Liebe verfügbar macht. Erst wenn wir nicht mehr glauben, dass der andere unsere Mängel beheben wird, wenn wir nicht mehr von ihm erwarten, dass er uns unsere Ängste nimmt, können neue Bindungen entstehen. Die Einsamen sind in Bezug auf die Qualität ihrer Beziehungen zu anderen anspruchsvoller. Man hält sich von der Oberflächlichkeit flüchtiger Bekanntschaften fern, um tiefer gehenden Freundschaften den Vorzug zu geben.

Ein Ehemann, was ist das für ein Gockel. So was Kleines, Geblähtes, auch Geducktes -, was sind Ehe und Kinder für heimtückische Methoden, Rasse zu verschlechtern, dagegen ist doch aller Alkohol und Opium und Tabak schöpfungsgesandt. – Gottfried Benn

Weder die liebenden, noch genialen, noch philosophischen Männer behaupten die Herrschaft der Ehe, sondern die recht langweiligen, stummen, ärgerlichen und prosaischen. – Jean Paul

Die Leser

Wir leben in rasend schnellen Zeiten, dauernd ändern sich die Spielregeln, unsere Wünsche kollidieren mit der Realität und mit gesellschaftlichen Normen, Gefühl und Verstand hinken hinterher beziehungsweise gehen verschiedene Wege. So ist es auch mit einer Lebensform, für die sich Menschen, besonders in den Großstädten, immer häufiger entscheiden: dem Alleinsein. Den Nouvelles solitudes hat die französische Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen ein sehr kluges Buch gewidmet, in der deutschen Übersetzung wurde daraus der Solotanz – Anleitung zum Alleinsein. Unterzeile: Glück und Unglück einer neuen Lebensform.

In ihrer Praxis in Paris, so berichtet Marie-France Hirigoyen, tauchen immer mehr Menschen auf, die an ihrer Unfähigkeit zu fühlen leiden; aber – und das ist neu: Unter ihnen wächst die Zahl derer, für die das Alleinsein nicht bloß Leid und Entbehrung bedeutet; sie leben allein, weil sie es wollen, sie ziehen ein freies, wenn auch nicht immer leichteres Leben vor. Die Gesellschaft hält sie entweder für egoistisch oder minderbemittelt („keine[n] abgekriegt“), zum Dinner werden nur Paare eingeladen.

Aber dies sind nun mal die Tatsachen, die die Autorin analysiert: Jede zweite Ehe wird geschieden, die Trennungen nichtehelicher Gemeinschaften sind noch gar nicht gezählt; unsere Lebenserwartung steigt weiter, und es sinken damit die Chancen, den Traum von lebenslanger Liebe und Treue zu leben. – ZEIT

Ich erinnere mich an die Freunde, die ich in der Schule hatte, und an ihr Leben, wie sie meistens mit einundzwanzig verheiratet waren, und ein Flugzeug fliegt aus dem Himmel und schreibt DAS ENDE über ihre Welt. – Alan Sillitoe

Jede zweite Ehe hält nicht. Hätten Flüge eine fünfzigprozentige Absturzquote, wäre die Lufthansa längst pleite. An der Ehe aber halten alle hartnäckig fest. – Katrin Bauerfeind

„Wir müssen“, schreibt Marie-France Hirigoyen, „unsere noch allzu häufig negativen Vorurteile in Bezug auf die Einsamkeit überdenken. Das Alleinsein ist bei Weitem nicht immer ein Symptom für eine Charakterstörung, sondern kann im Gegenteil – immer häufiger übrigens – auf eine reiche Persönlichkeit hindeuten.“ Das Alleinsein zu wählen sei dann keine weltverachtende Flucht, sondern der Wunsch, in sich zu gehen, sich zu festigen, frei zu werden, man selbst zu sein und das Glück nicht allein von anderen abhängig zu machen. Einsamkeit als eine Etappe eines Reifeprozesses, an dessen glücklichem Ende man in dem anderen nicht den Rivalen sieht, sondern den Weggefährten.

Die Autorin, wunderbar belesen, zitiert Rainer Maria Rilkes Worte an einen jungen Dichter: „… lieben Sie Ihre Einsamkeit und tragen Sie den Schmerz, den sie Ihnen verursacht, mit schön klingender Klage… Was nottut, ist doch nur dieses: Einsamkeit, große innere Einsamkeit. In sich gehen und stundenlang niemandem begegnen – das muss man erreichen können.“ – ZEIT

Es ist schon komisch, daß ein Mann, der sich um nichts auf der Welt Sorgen machen muß, hingeht und eine Frau heiratet. – Robert Frost

Einsamkeit ist Leiden – Paarung ist Leiden – Menschen-Anhäufung ist Leiden – Tod ist das Ende von allem. – Cesare Pavese

Auch ich bin ein erbitterter Feind der Ehe, die eher eine Leidens- denn Lebensform ist. Halt was für Masochisten. Und da ich kein Masochist bin, habe ich auch nie geheiratet. Und wurde trotzdem von Frauen heiß geliebt und reichlich verwöhnt. Ein gutes Dutzend wunderbare Frauen haben mich jeweils etwa vier Jahre durchs Leben begleitet. Was will MANN mehr?! Ich bin 69, rundum gesund, und blicke auf ein erfülltes Leben voller Liebe & Leiden zurück. Ich kann also jederzeit mehr als zufrieden abtreten, womit ich mir aber gerne noch etwas Zeit lassen möchte.

Nekrolog. Hochbetagt, friedvoll, unverheiratet und lebenssatt ist er gestorben, in den Armen seiner entzückenden jungen Freundin, deren Eifersucht ihn nicht abhalten konnte, aus seiner unerschöpflichen Zärtlichkeit auch an viele andere bezaubernde Frauen zu verschenken, die nach ihm begehrten. – Alfred Polgar

Marie-France Hirigoyen

Wer bekommt schon den Partner, den er sich eigentlich wünschte? Und also behelfen sich der Surrogatte und die Surrogattin. – Hanns-Hermann Kersten

Ehe: komplizierte Doppel-Prothese mit der man kaum voran-, umso leichter aber zu Fall kommt. – Hanns-Hermann Kersten

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Je mehr ich las, um so enger wurden meine Beziehungen zur Welt, um so leuchtender und bedeutsamer wurde für mich das Leben. Jedes Buch war wie eine kleine Sprosse, über die ich vom Tier zum Menschen aufstieg. – Maxim Gorki

Herzlich : Rudis Bibliothek : Willkommen

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Autor: Rudi

Ich heisse Rudi Lehnert, bin von Beruf(ung) LifeWorker (Psychologe) und mit Leidenschaft WebWorker und das ist mein Credo : love2live – live2love