Sarah Diefenbach über Digitale Depression

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Die Digitale Depression

Hier läßt sich nachlesen, daß ich auf Smartphone-Zombies nicht gut zu sprechen bin: Die Zahl des Tages : 88. Ich halte diese neue Spezies für ziemlich degeneriert. Damit stehe ich nicht allein. Auch die Wirtschaftspsychologin Professor Sarah Diefenbach beklagt sich in einem Interview mit der FAZ bitter über die Stillosigkeit der Smartphone-Junkies, die 88-mal am Tag ihr Handy checken, auch in Gegenwart anderer Menschen:

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Stellen Sie sich vor, beim gemeinsamen Frühstücken mit der Familie steht einer immer wieder auf, geht zur Wohnungstür, checkt den Briefkasten, kommt zurück. Und das Ganze zigmal. Das Verhalten wirkt grotesk; findet es aber im Kontext neuer Medien statt, finden es plötzlich alle ganz normal. Die Technik ist eine Art Freifahrtschein für bestimmte Verhaltensweisen, die eigentlich als unhöflich angesehen werden. – FAZ

Rund 88-mal schaut ein Smombie täglich aufs Display. Das On-Leid mehrt sich: „Facebook war Gift für mich“, klagt Kati Krause dem SPIEGEL. Und Sarah Diefenbach widmet dem Thema gar ein ganzes Buch: Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern.

Ein wunderschöner Strand im Abendlicht, die Sonne verschwindet am Horizont. Ein ganz besonderer Moment, den man genießen sollte, im Hier und Jetzt. Doch immer mehr Menschen zerstören solche unmittelbaren Glücksmomente, indem sie ihr Smartphone zücken, um das perfekte Foto zu schießen – während der magische Augenblick vorbeizieht. Anschließend wird das Foto in den sozialen Medien gepostet. Das Ziel: möglichst viele Likes und damit Selbstbestätigung zu bekommen. Wer hingegen zu Hause auf dem Sofa sitzt und die vielen tollen Urlaubsfotos, ausgefallenen Essen und sportlichen Erfolge seiner Kontakte verfolgt, fragt sich, wieso das eigene Leben so viel langweiliger ist als das der anderen. Beim Versuch, das Glück zu intensivieren (zu tracken, zu posten, zu teilen), verlernen wir, es direkt zu erleben. Eine Reise in das Seelenleben der Generation Smartphone. – mvgverlag

Und bei Sarah Diefenbach liest sich das dann zum Beispiel so:

Tobi ist über das Wochenende zu Besuch, wir haben uns ewig nicht gesehen. Doch die Wiedersehensfreude ist von kurzer Dauer. Seitdem sich seine Freundin per WhatsApp gemeldet hat, ist er faktisch nicht mehr bei uns. Er ist damit beschäftigt, Fotos zu machen, die er ihr schicken kann. Ihr zu berichten, was er gerade macht – oder machen würde, wäre er nicht ständig am Tippen. Während unseres Stadtspaziergangs haben Sehenswürdigkeiten keine Chance, das Display ist interessanter. Auch später in der Kneipe will kein intensiveres Gespräch in Gang kommen, denn der nächste Plington kommt garantiert. Wir sind genervt, Tobi wirkt gestresst, aber kann es andererseits auch nicht lassen. „Ich antworte nur kurz“, heißt es. Auf seine Antwort folgt ihre Antwort… Am Sonntagabend reist Tobi wieder ab und war irgendwie gar nicht wirklich da. Aber aus dem Zug ruft er dann noch mal an – wie erfreulich, so viel haben wir das ganze Wochenende nicht geredet!

Die obigen Beispiele zeigen den permanenten Einfluss der Technik und ihrer Seiteneffekte auf unser Handeln. Ständig formt Technik unser Denken und Tun, oftmals ohne dass wir es mitbekommen.

Was ist eine Wandertour noch wert, wenn der Ausblick nicht mit Followern und Friends geteilt wird? Was ist ein perfektes Menü, das nicht abgelichtet wurde? Was eine Party, wenn die Ausgelassenheit und Lebensfreude nicht in einem kleinen Videoclip dokumentiert wird? Auch eine Radtour, die nicht getrackt wurde, hat faktisch nicht stattgefunden. So gut das Essen schmecken mag, so schön der Sonnenuntergang ist, so beeindruckend die Natur – richtig genießen kann man dies erst, wenn der Moment mit anderen online geteilt wird – und wenn man dann auch noch die entsprechenden Likes kassiert!

Statt um den Moment im Hier und Jetzt dreht sich alles um die Aufbereitung des Moments für die Online-Welt. Unser persönliches Glück geben wir damit ein Stück weit aus der Hand. Statt meiner selbst entscheidet das Internet, wie bedeutsam mein Sonnenuntergangs-Moment ist. Blöd nur, dass mein Sonnenuntergang hier in Konkurrenz steht zu Tausenden anderen noch perfekter in Szene gesetzten Sonnenuntergängen. Plötzlich ist mein persönlicher Glücksmoment nur noch banal.

Verdammt traurig, finden Sie nicht? Wollen wir wirklich so „leben“? Jetzt am langen Pfingstwochenende haben Sie hoffentlich Zeit, mal aus der Handy-Tretmühle auszutreten und über Ihre eigene Smartphone-Nutzung & Ihre Netzwerk-Aktivitäten gründlich nachzudenken… Nicht das Handy ist nämlich das Problem, das Hirn bzw. die Hirnlosigkeit des Nutzers ist das Problem.

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Für mich waren Facebook, Twitter & Co. nie ein Problem, weil mein Hirn & mein Wertesystem intakt sind. Drum lese ich auch jeden Tag mindestens 88 Buchseiten und genieße mindestens 88 Filmminuten, auf 88 Minuten Musik am Tag komme ich eher selten. Im Vergleich zum 88-Phono-Sapiens : Wer von uns beiden hat wohl ein erfüllteres Leben und ist nach 365 Tagen der gebildetere Mensch & der weisere Gesprächspartner?

Warum soll man sich nicht mit Büchern unterhalten?
Sie sind ebenso klug wie Menschen und oft ebenso spaßhaft
und drängen sich weniger auf.
Hermann Hesse

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Für mich gibt es heute nichts Anziehenderes
als eine Frau, die liest.
Jonathan Franzen

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Alles Lebendigen Bestimmung ist Veredelung und Vervollkommnung
– und wer kann sagen, wo da die Grenzen sind?
Ralph Waldo Emerson

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Hosea Hargrove – I Love My Life

Zur Vertiefung: Forscher untersuchen Handysucht mit neuer App: Menthal. Und wenn Sie beim Nachdenken über Ihren Digital Lifestyle im Allgemeinen und Ihre Youtube : Handysucht im Besonderen sowie beim Umbau Ihres Lebens gerne gute Musik hören, Bluesdiary hat den Soundtrack dazu.

Du bist in jedem Augenblicke neu;
drum sei dem Alten nicht zu knechtisch treu.
Und war dein Herz bis heut wie Kohle schwarz –
du hast die Macht: und es wird weiß wie Quarz.
Christian Morgenstern

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Jeder Tag ist ein Baustein
für die Ruine oder Kathedrale meines Lebens.
Rudi Lehnert

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Snowy White’s Blues Agency – Change My Life

Best Blues @ Bluesdiary

When you’re in trouble, the Blues is the man’s best friend.
Otis Spann

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The Blues is the roots and the rest are the fruits.
Willie Dixon

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Autor: Rudi

Ich heisse Rudi Lehnert, bin von Beruf(ung) LifeWorker (Psychologe) und mit Leidenschaft WebWorker und das ist mein Credo : love2live – live2love