Anleitung zum Müßiggang von Tom Hodgkinson

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Klarer Tag

Der Himmel leuchtet aus dem Meer;
ich geh und leuchte still wie er.
Und viele Menschen gehn wie ich,
sie leuchten alle still für sich.
Zuweilen scheint nur Licht zu gehn
und durch die Stille hin zu wehn.
Ein Lüftchen haucht den Strand entlang:
o wundervoller Müßiggang.

Richard Dehmel

Wer nichts als Arbeit kennt, kennt das Leben nicht. Er kam, arbeitete und ging. “Die meisten Leute sterben, ohne je gelebt zu haben. Zum Glück bemerken sie es nicht”, meint Henrik Ibsen. Ich denke aber, daß die meisten sehr wohl merken, daß ihnen etwas fehlt. Tom Hodgkinson sagt den Arbeitssklaven, was ihnen fehlt: Muße. Also machen Sie mal ‘ne Pause und üben Sie sich in der Entschleunigung des Lebens und genießen Sie den Luxus der Langsamkeit. Ich tue das Tag für Tag und mir geht es verdammt gut dabei.

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Das Flanieren

Es ist eine Schande, dass das schöne englische Wort „pedestrian“, Fußgänger, heute in so einem abwertenden Sinn gebraucht wird. Mit „terribly pedestrian“ verurteilen wir ein schöpferisches Werk, wenn wir sagen wollen, dass es schrecklich langweilig, gewöhnlich, unspektakulär ist. Es ist, als sei der anspruchslose Spaziergang öde und ereignislos geworden im Vergleich zu schickeren, schnelleren Beförderungsmitteln wie Zügen, Flugzeugen und Autos. Aber im Fußgänger, dem Schlenderer, dem Spaziergänger, dem Flaneur findet man den Inbegriff des Müßiggängers. Der Fußgänger ist die höchste und mächtigste aller Daseinsformen: Er geht aus Vergnügen zu Fuß, er beobachtet, aber mischt sich nicht ein, er ist ohne Eile, er ist glücklich in der Gesellschaft seines eigenen Verstandes, er schlendert distanziert, weise und fröhlich dahin, göttergleich. Er ist frei.

Die meisten aber, die durch die Straßen unserer Großstädte laufen, haben keine Freude daran. Sie benutzen ihre Beine lediglich, um von A nach B zu gelangen. Sie haben kein bisschen Spaß am Laufen; es muss einfach nur erledigt werden. Bei ihrem Laufen haben sie ein Ziel im Kopf: sich von der U-Bahnstation zum Büro zu bewegen, von der Bushaltestelle zur Fabrik, vom Sandwichladen zur Bank. Der Weg an sich ist unwichtig, reine Zeitverschwendung. Das Ziel ist das Wichtige. Wenn wir mit dieser Art Gehen beschäftigt sind, finden wir es schwierig, uns dem Augenblick zu überlassen. Wir laufen zielgerichtet, mit gesenktem Kopf, und starren auf das Pflaster. Ein Strom von Ängsten schießt uns durch den Kopf: Dinge, die zu tun sind, Dinge, die noch nicht getan sind, versäumte Verpflichtungen. Wenn jemand uns sähe, würde er den Eindruck bekommen: beschäftigt, wichtig, hat zu tun, muss wohin.

Es passiert furchtbar leicht, daß man in diese Art einsames Eilen verfällt, das in den Städten die Norm ist. Aus Vergnügen zu laufen ist etwas, das wir uns eher für Wochenenden und Ferien aufheben. Aber mit ein wenig Willensanstrengung ist es gar nicht so schwer, auch inmitten des Gehetzes und Getümmels des Arbeitstags eine nachdenkliche Einstellung zum Gehen zu entwickeln.

Das beste Beispiel für die Haltung, die ich gerade beschreibe, ist der französische Flaneur. Flaneur bedeutet wörtlich Spaziergänger, Müßiggänger und wurde im neunzehnten Jahrhundert zur Beschreibung eines eleganten, vornehmen Typs des Spaziergängers verwandt, der ziellos durch die Pariser Passagen schlenderte, beobachtete, wartete, trödelte. Dessen Inbegriff war Baudelaire, der Anti-Bourgeois, der sich irgendwie aus der Lohnabhängigkeit gelöst hatte und dem es frei stand, durch die Straßen zu wandern, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben.

Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang, S. 139-140

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Jeder Tag, den du morgens betrittst, ist heiliger Grund.
Mach keine Müllkippe draus.
Rudi Lehnert

Tom Hodgkinson

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Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören,
ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und,
wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.
Goethe

Rudi liest & hört

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Chris Whitley – Perfect Day

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Hosea Hargrove – I Love My Life

Best Blues @ Bluesdiary

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Autor: Rudi

Ich heisse Rudi Lehnert, bin von Beruf(ung) LifeWorker (Psychologe) und mit Leidenschaft WebWorker und das ist mein Credo : love2live – live2love