Altern wie ein Gentleman – von Sven Kuntze

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Lebenshilfe-Bücher und Psychologische Ratgeber liegen in jeder Buchhandlung auf Halde. Die meisten davon können Sie in der Pfeife rauchen, sie nützen so wenig wie all die vielen Diäten, mit denen Sie sich schon erfolglos rumgequält haben. Das heißt Ihnen nützen sie nichts, den Erfindern schon, denn es läßt sich trefflich Geld damit verdienen. Leidende und Dumme waren immer schon beliebte Ausbeutungsobjekte.

Eine lobenswerte Ausnahme ist das Buch von Sven Kuntze, Journalist und Fernsehmoderator im Ruhestand. Er ist Jahrgang 1942, ich 1948. Er wird diesen Sommer 70, ich 64. Und wir beide denken intensiv über das Leben, das Altern und das Sterben nach. Ich tue das hier in meinen Blogs eher aphoristisch zugespitzt – wie gerade vorhin in Hot Alarm Clock -, er schreibt ein 256 Seiten dickes Buch darüber. Bei ihm liest sich das dann z.B. so:

Wir müssen reden, wann immer uns danach ist. Stiller Kummer und diszipliniertes Leid sind nutzlose Gefährten im Alter, denn der eigene Körper wird zur steten Ursache verstörender Erfahrungen. Jahrzehntelang war er, von Ausnahmen abgesehen, ein treuer Begleiter, der uns zuverlässig und unauffällig durch das Leben führte. Er war die Quelle von Lust und deren Erfüllung. Er war der Motor unserer Mobilität und das Werkzeug, mit dem wir uns die Umwelt nach unseren Vorstellungen eingerichtet hatten. Gelegentliche Störungen wurden repariert und waren schnell wieder vergessen. Niemand dachte ständig über Herz, Kreislauf und Gefäße nach. Sie waren die treuen Diener des Lebens, das im Kopf geplant wurde und sich des Körpers als seines Werkzeugs, meist unbewusst, bediente. Wer zu viel über ihn nachdachte, ging zum Psychologen.

Im Alter wird aus dem getreuen Kameraden häufig ein gefährlicher, unberechenbarer Weggefährte. Der Körper wird zum erbittertsten Feind seiner selbst. Man kann das Alter auch als allmählichen Prozess der Trennung von Geist und Leib begreifen, in dem Letzterer nach und nach die Oberhand gewinnt, bis er schließlich alles in den Abgrund reißt. Der körperliche Verfall ist jedoch nicht nur ein biologisches Phänomen, sondern berührt zutiefst das eigene Selbstverständnis. Es trennt sich, was ein Leben lang zusammengehört hatte und gut Freund gewesen war. Ein Mensch mit Körperfreund ist ein anderer als jener, dem der Körper zum Feind geworden ist. Es ist schmerzlicher Verlust im weitesten Sinn, wenn der alte Weggefährte sich auf die Seite des Verfalls schlägt, während der Geist noch im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Das bewährte Mittel der Verdrängung hilft nicht mehr, denn der Leib ist von früh bis spät mit Schmerz, Leid und Verlust gegenwärtig. Im Unterschied zum klassischen Feind wird man ihm weder entkommen noch ihn erfolgreich um Gnade bitten können. Man wird zu zweit, auch wenn man äußerlich zusammenbleibt. Und darüber sollte nicht geredet werden? Darüber muss ständig geredet werden! Nur im Gespräch untereinander können wir Alten die schockierende Erfahrung der Feindschaft zwischen Leib und Bewusstsein verarbeiten und lernen, mit ihr umzugehen.

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Bonnie Prince Billy – Hard Life

Auch ich habe inzwischen mehr Erfahrungen mit dem Alter, dem Sterben und dem Tod, als mir lieb sind. Der Serienkiller Tod lichtet und richtet nun schon seit Jahren gnadenlos meine biologische & kulturelle Familie. Verzweiflung, Verfall, Verwesung – friß oder stirb! Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich mit Situationen konfrontiert, auf die ich keinen Einfluß habe, die ich nicht wie gewohnt aktiv gestalten kann, sondern passiv erdulden und erleiden muß. Für einen aktiven, gesunden und zuversichtlichen Menschen wie mich eine einzige Tortur und endlose Folter.

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John Trudell – Ever Get The Blues

Sicher, vor meiner Geburt war’s schmerzlos, und nach meinem Tod wird’s wieder schmerzlos sein. Und doch wollte ich dieses schmerzhaft-schöne Leben um nichts in der Welt missen. Wenn der Schmerz der Preis dafür ist, in diesem großartigen Lebensspiel ein paar Jahre lang mitspielen zu dürfen, dann zahle ich diesen Preis gern dafür.

Sei deiner Mutter dankbar, daß sie dir zu dem Abenteuer: Leben verholfen hat. Es ist ein Abenteuer mit unausweislich letalem Ausgang. Aber einmal zumindest, glaube ich, sollte es doch jeder mitmachen – obschon ich dir nicht recht sagen könnte, warum. – Alfred Polgar

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Hosea Hargrove – I Love My Life

Wenn Sie also lernen wollen, würdevoll mit dem Abenteuer Altern umzugehen, dann hat Sven Kuntze sicherlich auch Ihnen etwas dazu zu sagen. Leichte Kost wird das allerdings nicht, wie Sven Kuntze unumwunden zugibt:

Sind mir die Reise ins Alter und der ungeplante Vorgriff auf meine Zukunft durch dieses Buch gut bekommen? Ich denke nicht. Während meine gleichaltrigen Bekannten sich gemütlich im Jetzt niedergelassen haben und an die ferne, oft leidgetränkte Zukunft vorläufig keine Gedanken verschwenden, habe ich mich notgedrungen detailliert mit ihr beschäftigt. Selbsterkenntnis im Alter besteht jedoch häufig aus schlechten Nachrichten. Ich weiß jetzt im Detail um die vielfältigen Formen des Verfalls und die damit verbundenen Leiden. Mir ist eindringlich die Endlichkeit meines Daseins vor Augen geführt worden. Ich bin mir bewusst, dass der Wunsch von Michel de Montaigne nur in seltenen Ausnahmefällen in Erfüllung geht: „Ich will, dass der Tod mich beim Kohlpflanzen antreffe aber derart, dass ich mich weder über ihn noch über meinen unfertigen Garten gräme.“ Ich mache mir keine Illusionen, die Sache könne einen glücklichen Ausgang nehmen, denn die Regel ist das lange Leid, und nichts spricht dafür, dass ich die Ausnahme sein werde.

Ich wäre vorläufig auch mit einem Bruchteil der Einsichten ausgekommen. Nun ist es nicht mehr zu ändern. Das ganze Ausmaß denkbaren Elends hat sich in der Gegenwart meiner Gedanken eingenistet, während meine Alterskohorte mit gutem Erfolg vorläufig damit beschäftigt ist, nicht alt zu sein.

Möge Ihnen das Leben & die Liebe,
das Altern & das Sterben gelingen!

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Keb‘ Mo‘ – Stand Up (And Be Strong)

Ich habe immer das Leben gleich angesehen: als tragisch, aber mit der Aufgabe, es zu leben. Ein Satz, den ich vor mehreren Jahren schrieb, spricht es aus: „Das Leben ist ein tödliches Gesetz und ein unbekanntes. Der Mann, heute wie einst, vermag nicht mehr, als das Seine ohne Tränen hinzunehmen!“ Dieses an der Antike gebildete Gefühl stand über jeder meiner Stunden. – Gottfried Benn

Sven Kuntze

Rudi liest & hört

Nur wer an jeder Stunde die Klauen, die Hauer, die rostigen Nägel sieht, mit denen sie unser Herz in Stücke reißt, der hat das Leben in sich aufgenommen und steht ihm nahe und darf leben. – Gottfried Benn

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Tom Rush – All A Man Can Do

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Autor: Rudi

Ich heisse Rudi Lehnert, bin von Beruf(ung) LifeWorker (Psychologe) und mit Leidenschaft WebWorker und das ist mein Credo : love2live – live2love