Die Annahme seiner selbst

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Die Annahme seiner selbst

Trotz des allgemeinen Wohlstandes gibt es heute so viele unzufriedene Menschen, die dann nicht selten mit allen möglichen größeren oder kleineren Beschwerden den Arzt aufsuchen. In den Gesprächen, die ich dann mit solchen Menschen führe, stoße ich oft auf die Tatsache, daß solche Unzufriedenheit und damit auch die Gesundheitsstörungen, um deretwegen ich aufgesucht werde, damit zusammenhängen, daß diese Menschen an einer chronischen Unzufriedenheit mit sich selbst leiden. Man möge sich einmal fragen, ob man ein auch nur halbwegs zufriedenes Leben führen kann, wenn man die erste Grundbedingung dieses Lebens, nämlich sich selbst, in Frage stellt und mit sich unzufrieden ist. Aus diesem Grunde ist die Annahme seiner selbst die erste Voraussetzung eines zufriedenen Lebens.

Jene Menschen, die mit sich selbst unzufrieden sind, sind auch immer kontaktgestört, jeder etwas tiefere Kontakt mit einem anderen Menschen ist ja immer auch ein Anbieten seiner selbst. Es ist selbstverständlich, daß das nicht möglich ist, wenn ich von mir selbst nichts halte. Einmal erzählte mir eine solche Patientin, daß sie von einer Verlobung zurückgetreten sei, weil sie einem anderen ja nicht zumuten könne, so jemanden wie sie zu heiraten. Aus dieser Beobachtung lernen wir noch eines, daß nämlich die Grundlage aller Liebesfähigkeit nicht nur die Annahme seiner selbst, sondern die Selbstliebe ist. Hier muß einem möglichen Mißverständnis vorgebeugt werden. Selbstliebe und Selbstsucht haben nichts miteinander zu tun. Annahme seiner selbst heißt nämlich Annahme auch seiner Schwächen. Ich bin daher durchaus in der Lage, meine guten und meine weniger guten Eigenschaften richtig zu sehen. Es heißt auch nicht, daß ich weiterhin nicht an mir arbeiten soll und muß, es heißt aber, daß ich mir immer wieder und wieder auch selbst verzeihe. Wer sich nicht selbst das, was er im Leben falsch gemacht hat, verzeihen kann, ist im Grunde genommen ein hochmütiger Mensch. Das klingt sehr merkwürdig, aber es ist so. Es gibt Menschen, die einfach nicht darüber hinwegkommen, daß sie dieses oder jenes einmal getan haben. Heißt das nicht im Grunde genommen, ich, der ich ein so großartiger Mensch bin, wie konnte mir so etwas geschehen, damit werde ich einfach nicht fertig. Ein solcher Mensch gesteht sich also mit anderen Worten nicht ein, daß auch er seine Schwachheiten hat und Fehler begehen kann. Man sieht also, es ist Hochmut.

Ein Mensch, der sich selbst liebt, wird sicher auch einiges von sich fordern, aber er wird auch seine Grenzen kennen und wird keinen Raubbau mit sich und seiner Gesundheit treiben. Wer etwa der Süchtigkeit gegenüber den bekannten Genußgiften verfällt, hat keine Selbstliebe. Wer sich selbst liebt, tut nichts von den Dingen, von denen er weiß, daß sie ihm schaden. Er sieht seine Grenzen und weiß sie einzuhalten, was sicher nicht hindert, daß er in Lebenssituationen, die letzte Forderungen an ihn stellen, auch zur Stelle sein
wird.

Die Grundlage aller Liebe, aller Liebesfähigkeit ist also die Selbstliebe. Deshalb lautet auch das Christuswort: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Ich habe es heute in einem Gespräch viel öfter nötig, auf den zweiten Teil dieses Satzes zu verweisen als auf den ersten. Man sieht genau, Selbstliebe und Nächstenliebe hängen zusammen, ja, sie werden sogar gleichgestellt, das heißt mit anderen Worten, daß es falsch ist, die Nächstenliebe höherzustellen als die Selbstliebe. Ein auch heute immer noch nicht seltenes Beispiel möge das erläutern. Es gibt Eltern, die ihre Kinder als ihnen gehörig betrachten und sie, wenn sie erwachsen sind, nicht freigeben, sondern zu Hause fixieren, weil sie vielleicht im Geschäftshaushalt dringend benötigt werden. Das wird dann mit christlichen Grundsätzen von der Liebe und Pflicht der Kinder den Eltern gegenüber begründet. In einem solchen Falle hat ein Kind nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, um seiner selbst willen, um seines Lebens willen das Elternhaus zu verlassen, das heißt es soll die Liebe zu den Eltern nicht höher stellen als die Liebe zu sich.

Arthur Jores

Leben lernen @ Eisbrecher-Bibliothek

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Autor: Rudi

Ich heisse Rudi Lehnert, bin von Beruf(ung) LifeWorker (Psychologe) und mit Leidenschaft WebWorker und das ist mein Credo : love2live – live2love