Leser fragen: Ist Lebensplanung möglich?

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Leser fragen: Ist Lebensplanung möglich?

Mit diesem Artikel hier ziehe ich in blog-O-rama eine neue Schublade auf: Leser fragen. Inspiriert dazu hat mich ein Mail von Micha (Name geändert), in dem er mir ein paar für ihn lebenswichtige Fragen stellt, mit denen sich wohl auch viele andere Menschen befassen. Also diskutieren wir diese Fragen hier nicht im stillen Kämmerlein unter vier Augen, sondern öffentlich auf dem Blog-Marktplatz, damit (hoffentlich) alle von diesem Gespräch profitieren. Micha hat mir aus der Eisbrecher-Bibliothek also diese Mail geschickt:

Lieber Rudi,

als Erstes einmal herzlichen Glueckwunsch zu der Seite, ich habe schon oefters vorbeigeschaut und finde die Auswahl der Texte sehr gelungen.

Nun zu meiner Frage, bei der Sie mir vielleicht weiterhelfen koennen (oder nicht). Sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Es ist im Prinzip die Frage nach dem Sinn oder Unsinn von Planung (des Tages, der Zukunft, etc.). Ganz konkret ist es mir so ergangen, dass ich festgestellt habe, dass ich derzeit neben all der Arbeit kaum etwas im Leben schaffe. Also habe ich mir erst vorgenommen, Dinge, die ich in letzter Zeit vernachlaessigt habe, in meinen Alltag einzubauen, z.B. mehr lesen, taeglich meditieren, taeglich joggen, Franzoesisch lernen. Das war der Anfang, die Idee. Danach dachte ich, ein konkreter Tagesplan fuer den Alltag waere angebracht, also habe ich aufgeschrieben, so nach dem Motto, 8 Uhr aufstehen, joggen, Fruehstueck, meditieren, Franzoesisch lernen, arbeiten, lesen, meditieren, schlafen und alles mit Zeitangaben.

Jetzt zweifle ich wieder an diesem Plan und denke, kann man denn ueberhaupt planen und geraet man dann nicht in Gefahr, von Tagespunkt zu Tagespunkt zu eilen. Ist es nicht besser, keinen Plan zu haben, sondern einfach spontan sich einer sinnvollen Taetigkeit zuzuwenden? Anderseits weiss ich nicht, ob das geht, ob ich dann nicht einfach rumhaenge, anstatt auf die Verwirklichung meiner Ziele zuzuarbeiten. Fest steht, dass ich dahin kommen muss, zu einem erfuellenden Tag zu kommen, und bei der Ausuebung einer Taetigkeit dieser vollkommen meine Konzentration zu schenken, d.h. vollkommen im Moment zu leben.

Bewirkt das Aufstellen eines Planes nun, dass ich mich selbst diszipliniere und meinen Tag mit Sinn fuelle, oder wird dieser Plan nur Stress hervorrufen? Ist Planung ueberhaupt moeglich oder sollte man nicht nur JETZT leben und nie wissen, was kommt, oder besteht doch die Gefahr einfach untaetig zu sein?

Ich weiss es nicht, ich weiss nur, dass ich heute zu viel darueber nachgedacht habe, anstatt meinen Tag mit SINN zu fuellen. Vielleicht haben Sie ja eine Anregung fuer mich? Ich waere Ihnen sehr dankbar!

Herzliche Gruesse,
Micha

Lieber Micha,

allgemein- und ewiggültige Antworten kann ich Ihnen auf Ihre Fragen nicht geben, ich habe keine Kirche und will auch jetzt keine Religion gründen. Ich kann Ihnen aber sagen, was sich in den letzten sechs Jahrzehnten (im Juni werde ich 60) für mich bewährt hat. Das muß sich nicht automatisch und zwangsläufig auch für Sie bewähren, es sei denn Sie haben mit Ihrem Leben nicht mehr vor, als daraus ein Abziehbild von meinem zu machen.

Werte & Ideale

Werte und Ideale geben dem Leben erst Sinn und Richtung und sind für mich daher extrem wichtig. Sie sind eine Art Kompass, der mich immer wieder auf den richtigen Weg zurückführt, wenn ich im weitläufigen Labyrinth des Lebens wieder mal die Orientierung verloren habe.

Der absolute Grundlagentext zum Thema Lebensplanung stammt von dem Schweizer Philosophen Ludwig Hohl: Du habest die große Idee, dein Leben zu ändern – Pflichtlektüre für alle, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und es wirklich ernst damit meinen, ihrem Leben neue Inhalte und eine neue Richtung zu geben. Das Gute an diesem Text ist, daß er keine Ziele vorgibt. Diese Werte und Ideale muß sich jeder selbst erarbeiten. Anregungen hierzu gibt Zenta Maurina mit Einige Regeln der geistigen Hygiene, was mich wiederum zu Das gute Dutzend – Meine 12 Regeln eines guten Lebens inspiriert hat. Und wozu inspiriert es Sie?

Meister & Schüler

„Glückwunsch Meister!“ gratulierte mir ein Leser zu 20.000 Besucher in blog-O-rama. Meine Antwort:

Danke für den „Meister“. Aber ich ziehe es vor, bis an mein Lebensende Schüler zu bleiben. Nur so ist garantiert, daß ich mich permanent weiterentwickle und abends schlauer, weiser und reicher ins Bett gehe als ich morgens aufgestanden bin.

„Sobald ich den liebe, der mir überlegen ist, der weiser, größer, vollkommener ist, schwindet der Neid und ich wachse zu seiner Größe empor.“ – Ralph Waldo Emerson

Bei den meisten Menschen ist es eher umgekehrt: sie reagieren auf Größe mit Neid und Mißgunst und werden alles tun, die Größe auf ihr Niveau runterzubringen. Ich bemühe mich, zur Größe meiner Meister und Mentoren emporzuwachsen. Erreichen werde ich diese Größe nie, aber wer erreicht schon die Sonne? Und doch sehnt sich ihr jede Pflanze entgegen …

Was ich damit sagen will: Bis zum heutigen Tage lerne ich lieber als daß ich lehre. Diese Welt ist so irrsinnig interessant und faszinierend und voller Abenteuer und Entdeckungen – und meine Tage haben leider immer nur mickrige 24 Stunden, winzige, auf dem glühend heißen Stein des Lebens blitzschnell verdampfende Tröpfchen. Ich verstehe mich auch mit Sechzig noch als kleiner Schüler in der GROSSEN Schule des Lebens und Liebens. Und ich werde nicht müde, meinen Meistern und Mentoren dafür zu danken, daß sie immer noch nicht müde sind, mich zu lehren und zu erziehen. Erst heute Morgen habe ich zwei meiner wichtigsten Vordenker und Vorbilder wieder meine Reverenz erwiesen: Walser & Sartre – Leben & Tod.

Und wer sind Ihre Meister? Ohne die werden Sie es nämlich nicht schaffen. Denn

Wer sich zuviel mit Kleinem abgibt,
wird bald unfähig zu Großem.
La Rochefoucauld

Der Tag – Baustein des Lebens

Wie Ludwig Hohl in Du habest die große Idee, dein Leben zu ändern sehr treffend ausführt, mangelt es nicht an großen Plänen. Das Problem sind die kleinen Schritte. In meine Lebensphilosophie übersetzt:

Jeder Tag ist ein Baustein
für die Ruine oder Kathedrale meines Lebens.
Rudi Lehnert

Ziele werden nicht in Siebenmeilenstiefeln, sondern Schritt um Schritt erreicht. Lebenspläne werde nicht mit Lichtgeschwindigkeit, sondern Tag um Tag und Stunde für Stunde realisiert. In dieser Hinsicht sind wir Schnecken und Ameisen, keine Gazellen und Antilopen.

Phantasie & Improvisation

Pläne sind das eine, das Leben ist das andere. Leben ist wie Schachspielen. Ich mache einen Zug – das Leben macht einen Zug. Wenn mein Plan etwas taugt und ich meinen Zug gut überlegt habe, mache ich einen starken Zug, der mich meinen Zielen ein Stück näher bringt. Wenn mein Plan dilettantisch ist oder mein Zug schwach war, wird mich das Leben schmerzhaft eines Besseren belehren.

Wir ordnen’s, es zerfällt.
Wir ordnen’s wieder – und zerfallen selbst.
Rainer Maria Rilke

Ich halte es für sehr wichtig, daß man einerseits trotz aller Widrigkeiten und erst recht dann, wenn einem der Wind voll ins Gesicht bläst, an seinen Zielen festhält (mit Rückenwind kann jeder leben), aber andererseits auch flexibel genug ist, seinen Lebensplan jederzeit umzubauen, wenn die aktuellen Gegebenheiten das erfordern. Das heißt nicht, daß man seine Ziele über Bord wirft, bloß weil einem der Gegner einen Strich durch die Rechnung macht, sondern daß man neue, zielführendere Wege zu den alten, bewährten Zielen sucht und so die Hindernisse umgeht und überwindet. Sollten einem allerdings die bisher verfolgten Ziele nun selbst suspekt erscheinen, gilt es natürlich auch diese Ziele in Frage zu stellen und durch bessere zu ersetzen. Aber ohne Ziele, Werte & Ideale geht es definitiv nicht, sind wir eine allzu leichte Beute des Augenblicks und der Beliebigkeit.

Leben lernen @ Eisbrecher-Bibliothek

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Autor: Rudi

Ich heisse Rudi Lehnert, bin von Beruf(ung) LifeWorker (Psychologe) und mit Leidenschaft WebWorker und das ist mein Credo : love2live – live2love